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Geschichte des Ortsvereins

Geschichte 1914-1989

Geschrieben von: Franz A. Bankuti 

„Man muss das Gute tun, damit es in der Welt ist".

  

Dieser Gedanke der Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach macht die Bedeutung der Aufgabe sichtbar, die sich die Rot-Kreuz-Organisation selbst gestellt hat.

aus der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum 1989: 

Gerade in einem an schweren und erschütternden Weltereignissen reichen Jahrhundert war das Rote Kreuz ein leuchtender Fixpunkt inmitten von viel Dunkelheit, ein Lichtblick für unendlich viele Menschen jeden Alters und jeder Nation. In diesem Jahr kann nun das Rote Kreuz in Hockenheim auf eine 75jährige Geschichte zurückblicken. Siebeneinhalb Jahrzehnte Dienst am Nächsten, am Mitmenschen bedeuten, dass in all den Jahrzehnten Menschen bereit waren, sich selbstlos für andere einzusetzen. 

Die Aufgaben und Möglichkeiten des Einsatzes haben sich in diesen 75 Jahren wesentlich gewandelt und verändert, vor allen Dingen natürlich vervielfältigt, eines aber ist geblieben, die Bereitschaft von Menschen, FÜR Menschen da zu sein. Der Grundgedanke der Gründung des Roten Kreuzes in Hockenheim ist heute noch so aktuell wie er damals war, er zieht sich wie ein roter Faden durch die 75jährigeGeschichte: es ist die freiwillige Mitarbeit und Hilfe für andere, die sich in einer Notsituation befinden. 

Zu jener Zeit hatte der Erste Weltkrieg bereits mannigfach seinen Tribut gefordert. So wollte man sich verstärkt um die Kranken- und Verwundetenpflege kümmern. Gleichzeitig wollte man aber auch innerhalb der örtlichen Gemeinschaft, dort wo es nötig erschien, Hilfe leisten. 

In unserer heutigen Zeit würde man dies als eine Bewegung ansehen, was auch damals schon engagierte Mitbürgerinnen und Mitbürger sahen, dass die Selbsthilfe und die gegenseitige Unterstützung die Grundlage für wirkungsvolle Hilfe sein muss. Aus vielen solchen Überlegungen und Bestrebungen heraus fügte sich mosaiksteinartig die Einheit des Deutschen Roten Kreuzes in Hockenheim zusammen. Eine der wichtigsten Zusammenkünfte fand am 4. August 1914 im Gasthaus "Zum Ritter" in Hockenheim statt. Hier war man sich schon einig, dass man gemeinsamstark sein wollte, um aus dieser Gemeinschaft heraus Schwächeren helfen zu können. 

Im Januar 1915 war die Gründungsversammlung im "Grünen Baum". Man kann sich die Situation vorstellen. Honorige Herren und auch Damen hatten sich viele Gedanken gemacht, viel geredet und debattiert und waren zu dem Schluss gekommen, eine Gemeinschaft bilden zu wollen. Als erfahrenen Kommunalpolitiker machte man Hauptlehrer Häfner zum 1. Kolonnenführer. Sein Stellvertreter wurde Johann Ruh. Die verantwortungsvolle Aufgabe eines Schriftführers übernahm Fritz Wetterauer und auch einen tüchtigen Kassier brauchte man: Kurt Schwinger. Zeugwart wurde Wilhelm Kubach, das Amt des Dieners übernahm ebenfalls Fritz Wetterauer und dazu wählte man noch 13 Beiräte, Dr. Erckenbrecht konnte sich fortan Kolonnenarzt nennen und hatte wichtige Aufgaben für diese neugegründete Vereinigung. Hockenheim hatte jetzt eine Sanitätskolonne. Bereits im Juni des Jahres 1915 wurde eine erste Schlussprüfung abgehalten. Hochoffiziell und entsprechend streng ging es zu, als zwölf Mitglieder der neu gegründeten Kolonne erfolgreich die Prüfung ablegten. 

Zwischenzeitlich war, wohl der Not der Zeit gehorchend, ein Männerhilfsverein gegründet worden. Dieser wurde, wie einem alten Protokoll zu entnehmen, später wieder aufgelöst und das Vermögen dem Bürgermeisteramt Hockenheim überantwortet. Da die Aufgaben dieses Männerhilfsvereins wohl identisch mit denen der Sanitätskolonne waren, wurde Hockenheims Bürgermeister ermächtigt, die vorhandenen Mittel für die freiwillige Sanitätskolonne zu verwenden. Diese wiederum wurde der Freiwilligen Feuerwehr angeschlossen, wobei die Kolonnenführung abermals Hauptlehrer Häfner übernommen hatte, sein Stellvertreter wurde Georg Keller, für die Verwaltung der Kasse sorgte Friedrich Schüssler, Schriftführer war Anton Schöninger und die wichtigen Aufgaben des Kolonnenarztes hatte wieder Dr. Erckenbrecht in seinen zuverlässigen Händen. 

Vom Männerhilfsverein war bereits die Rede, wesentlich größere und vor allem zeitlich länger währende Bedeutung hatte in Hockenheim der Frauenverein. In der tätigen Nächstenliebe spielten die Frauenvereine jener Zeit eine wesentliche Rolle. 

Die Entstehung der Frauenvereine überhaupt geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Diese Vereine legten erste Schritte auf dem Weg zurück, was wir heute als Gleichberechtigung bezeichnen. Die Frauen machten jedenfalls durch ihren Einsatz auf vielen Gebieten des täglichen Lebens auf sich aufmerksam, setzten sich dort ein, wo gerade Hilfe und Unterstützung notwendig waren. Hier ist übrigens interessanterweise anzumerken, dass eine der Begründerinnen der Frauenvereine in Deutschland Luise Otto-Peters war, nach der in Hockenheim eine Schule benannt ist. Jedenfalls wurde ein Zweigverein Hockenheim des Frauenvereins bereits am 18. Mai 1876 gegründet. Allerdings hatte er nur etwa 10 Jahre Bestand. Ein gutes Jahrzehnt später entstand er erneut und im Jahre 1901 hatte Frau Achtstätter die Leitung. Wie sehr sich die Aktivität der Hockenheimer Frauen herumgesprochen haben muss, zeigt der Besuch von Großherzogin Luise, nach der ja in Hockenheim auch eine Straße benannt ist. Das noch vorliegende Protokoll aus jener Zeit enthält auch die Namen der Frauen, die an der Spitze des Vereins standen. So war es nach dem Tode von Elisabeth Schütz, Frau Piazolo, ihr folgte dann Käthe Schütznach. Stellvertreterin war Frau Brüning und weiter gehörten dem Vorstand folgende Damen an: Frau Carque, Frau Herzer, Frau Kosel, Frau Kammer-Göbelt, Frau Naber, Frau Weibel, Frau Kientz sowie Frau Wiedemann. Gerade in den Zeiten von Not und Armut nach dem Ersten Weltkrieg taten die Frauen ihr Bestes, um existentielle Not zu lindern. Wichtig war dabei unter anderem die Ausgabe von sterilisierter Milch für Säuglinge und Kleinkinder als Mittel gegen die damals grassierende Kindersterblichkeit. Auch die Bekämpfung der Tuberkulose setzte hohe Ansprüche an alle, die sich um die Gesundheit bemühten. Darüber hinaus erkannte man beim Frauenverein aber auch, dass das gesellige Leben trotz schwerer Zeiten nicht zu kurz kommen durfte. Man hatte erkannt, dass es auch kultureller Werte zur inneren Gesundung und zum Erhalt des seelischen Gleichgewichtes bedurfte. Ältere Hockenheimer sprechen beispielsweise noch heute von den damals beliebten Laienspielaufführungen, die alle, die Mitwirkenden und die Zuschauer, in ihren Bann zu ziehen vermochten. 

Dass die Arbeit des Frauenvereins nicht in gewohnter Art weitergeführt werden konnte, lag an den politischen Verhältnissen der Zeit, in der Individualität nicht gefragt war und ,,gleichgeschaltet" wurde. Zwischenzeitlich bildete die Sanitätskolonne den Ortsverein des Hockenheimer Roten Kreuzes zu dem bald auch die aktiven Mitglieder des Frauenvereins gehörten. 

Konsequent und fachlich fundiert war schon zu jener Zeit die regelmäßige Ausbildung unter der Leitung von Dr. Kraus. In den Jahren 1934 bis 1945 war der Ortsverein dem Reilinger Dr. Hezel unterstellt. Nach dem Ende des Krieges hatte der Ortsverein keine andere Wahl. als seine Aktivitäten einzustellen. Wenn aber eine Idee wirklich gut ist, wenn sie von vielen getragen wird und viele zur Mitarbeitbereit sind, so findet sich immer wieder ein Weg, sie auch zu verwirklichen. Und dies, obgleich Rotkreuz-Einrichtungen beschlagnahmt worden waren, vieles vernichtet oder zerstört war. Die Wiederbegründung war bereits im Jahre 1946 im Hockenheimer Rathaus, wobei der Bürgermeister Franz Hund selbst den Vorsitz übernahm. Es war in dieser Zeit des Neuaufbruchs nicht leicht, den alten Mitgliederstamm wieder zu gewinnen, nach und nach gelang es aber, ebenso wie man sich nach und nach wieder Ausrüstungsgegenstände beschaffen konnte. 

Jetzt im Jubiläumsjahr1989 jährt es sich zum 40. Mal, dass man wieder mit einem soliden Fundament an die Öffentlichkeit gehen konnte. Bereits im Jahre 1948 hatte der DRK-Ortsverein Hockenheim eine eigene Geschäftsstelle, eine Geschäftsstellenleiterin, sowie zwei Fahrer. 

Die weitere Nachkriegsgeschichte ist eine Parallele zur Entwicklung der Stadt Hockenheim. Alles wurde größer, mit den Ansprüchen und Bedürfnissen stiegen auch die Leistungen. 

Geblieben ist die Grundidee des Deutschen Roten Kreuzes. Geblieben ist auch der Dank an diejenigen, die Wiederaufbauarbeit beim Ortsverein des Roten Kreuzes leisteten. Die Ausbildung der Mitglieder wurde wieder planmäßig aktiviert. Organisation und Verwaltung wurden der Zelt angepasst und dies verdankt man in hohem Maße dem inzwischen zum Ehrenvorsitzenden ernannten Stadtrat Arthur Weibel, der 1952 den Vorsitz übernahm und 25 Jahre an der Spitze des Ortsvereins des Deutschen Roten Kreuzes in Hockenheim stand. Stolz war man zu jener Zeit zu Recht auf das Rot-Kreuz-Heim in der Jahnstraße an der Ecke der Heidelberger Straße. Zwischenzeitlich ist es natürlich längst der Spitzhacke zum Opfer gefallen, denn der Verkehrsknotenpunkt Jahnstraße/Heidelberger-Straße/Schützenstraße musste geregelt werden. 

Der Abschied fiel aber nicht schwer, denn man wusste, dass neue, größere, schönere Räumlichkeiten warteten, in denen man dem immer größer werdenden Repertoire an Aufgaben gerecht werden konnte. Das ehemalige Gasthaus ,,Zur Rennstrecke" hatte sich geradezu angeboten. Die alte DRK-Geschäftsstelle wurde verkauft, und mit städtischer Unterstützung und der großzügigen Hilfe der Hockenheimer Industrie konnte man im Jahre 1970 mit dem Umbau des ehemaligen Lokals ,,Zur Rennstrecke" beginnen. Diese Erweiterung war auch zwingend notwendig, denn durch die vermehrten Motodrom-Einsätze und die naheliegende Autobahn waren immer mehr Rot-Kreuz-Aktive zu immer vielfältigeren Aufgaben herangezogen worden. Hinzu kam die gesetzliche Pflicht für Führerscheinbewerber, einen Kursus für Sofortmaßnahmen am Unfallort zu absolvieren und auch das Interesse an den Erste-Hilfe-Kursen nahm ständig zu. 

Kurzum, es wurde höchste Zeit, dass ab Ende 1971, die neuen Räumlichkeiten in der Heidelberger Straße, jetzt an der Ecke ,,ln der Clamm" bezogen werden konnten. Dies brachte insgesamt einen Aufschwung für den Ortsverein. Der Ortsverein steigerte sein Ansehen nach außen hin auch dadurch, dass der Mitgliederstand erheblich erhöht werden konnte, heute, im Jubiläumsjahr 1989 liegt er bei 1.329 Mitgliedern. 

Nach 25jähriger Vorstandstätigkeit von Arthur Weibel übernahm im Jahre 1977 Dr. Günther Dickschat den Vorsitz. Zwei Jahre später wurde Walter Marquetant zum Vorsitzenden gewählt. Zwischenzeitlich war man schon wieder aktiv bei der Renovierung des DRK-Heimes. Zehn Jahre nach dem ersten Bezug stand die Renovierung der Außenfassade und des Fensterbereiches an. Aufgrund aufopferungsvoller Eigenleistung konnten hier gut DM 10.000 gespart werden, etwa das Doppelte kam als städtischer Zuschuss zu den Gesamtkosten von DM 48.000. Im Jahre 1985 war dann die Innenrenovierung fällig, dabei wurde erstmals im Obergeschoß ein Sozialraum eingerichtet. Gut zwei Jahre steht jetzt schon wieder ein neuer Mannschaftswagen in der Garage, der alte Mannschaftswagen wurde in Eigenarbeit restauriert und in einen funktionellen Gerätewagen umgebaut. 

Das Spektrum der Aufgaben ist vielschichtiger geworden. So hat man jetzt auch eine ständige Kleiderausgabe eingerichtet, die unteren Räume des DRK-Heimes wurden dazu in Eigenarbeit entsprechend hergerichtet.

Nahtlos ging auch im Jahre 1988 ein Vorsitzenderwechsel über die Bühne. Walter Marquetant hatte frühzeitig bekanntgegeben, dass er nicht über ein Jahrzehnt lang den Ortsverein führen wolle und so war man auf der letzten Jahreshauptversammlung einstimmig der Meinung, dass mit Siegmar Hagmann eine in allen Rot-Kreuz-Angelegenheiten erfahrene Persönlichkeit im Jubiläumsjahr an der Vereinsspitze stehen wird. 

In cleverer Art und Weise verstand man es auch, immer wieder die Öffentlichkeit zu informieren und breite Schichten der Bevölkerung mit einzubeziehen. Wenn man bedenkt, dass es erst dreißig Jahre her ist, dass man in Hockenheim einen Blutspendetermin ansetzte und dass Ende des vergangenen Jahres bereits der 8.000 Spender begrüßt werden konnte, so zeigt dies, wie gut der Ortsverein es verstand, seine Belange transparent zu machen. Zu diesem Bezug zur Bevölkerung gehört natürlich auch die Teilnahme an Festivitäten jeder Art. Was wären beispielsweise Umzüge, der ,,Hockenheimer Mai", oder Sportveranstaltungen in Hockenheim, wenn man nicht die Sicherheit der in der Nähe befindlichen, gut geschulten Rot-Kreuz-Aktiven wüsste. 

Auch die jährlich durchgeführten Feste, so seit Anfang dieses Jahrzehntes das DRK-Weinfest im Oktober, zeigen das Interesse der Öffentlichkeit an der Rot-Kreuz-Arbeit einerseits und bieten andererseits die Möglichkeit zur Information und zum Gespräch. 

Es ist auch keine Übertreibung, wenn man von einer Ausnahmesituation beim Hockenheimer Ortsverein spricht, was die Einsätze anbetrifft, zumal man stets im Motodrom vertreten ist. Dem Südwestfunkfernsehen war das eine dreiviertelstündige Sendung wert, die den beziehungsreichen Titel ,,Urlaub am Motodrom" trug. Er machte deutlich, welcher Einsatz gefordert, erwartet und geleistet wird. Der gute Ruf des DRK-Ortsvereines bewährt sich tagtäglich, Wochenende für Wochenende aufs Neue. Jährlich 8.000 ehrenamtliche Dienststunden, welche die derzeit 66 aktiven Mitglieder leisten, sprechen für sich. Wer sich Zahlen gerne konkret vor Augen führt, wird nachrechnen können, dass dies einer Jahresleistung von 333 Tagen und Nächten entspricht, an denen immer jemand im Einsatz ist. Deshalb gebührt unseren Helferinnen und Helfern im Ortsverein, genauso wie den Gründern vor 75 Jahren, Dank und Anerkennung.